Ein Lächeln öffnet dir jede Tür

„Du hast Damenbesuch, mein Sohn!“

Als 14-jähriger, körperlich fast ausgewachsener, geistig eher in der Pubertät festhängender stattlicher, hübscher Junge gibt es nichts, was auch nur annähernd so schlimm und bedauernswert ist, wie ungeküsst zu sein. Klar, Lippenkontakt mit dem weiblichen Geschlecht gab es schon vor besagter Zeit, einen richtigen Kuss, also mit Zunge und so, und dann auch noch leidenschaftlich, so etwas stand noch in fetten Buchstaben, doppelt unterstrichen mit leuchtend gelben Textmarkern eingerahmt auf meiner damaligen To-Do-Liste. Irgendeine zu küssen, das kam für mich nicht in Frage. Es musste schon eine besondere Dame sein, die (und jetzt kommt meine eher eingebildete Seite zum Vorschein) meiner auch würdig war. Würdig, genau wie Würde, ein schweres Wort.

Da schwingt einiges mit, viel Pathos und so weiter. Aber genau so soll es sein. Denn Zärtlichkeiten auszutauschen, und darunter fällt der geöffnete Lippenkontakt meiner Ansicht nach definitiv, hat nichts anderes verdient.

Die „würdige“ Dame meines Herzens war schnell gefunden. Zugegeben, so streng war ich beim Auswahlprozess dann doch nicht. Dieser lässt sich relativ einfach beschreiben. Es ist ein bisschen wie in der Wirtschaft. Zuerst muss der Markt analysiert werden. Was gibt es denn alles, bzw. was ist frei verfügbar. In festen Händen war in diesem Alter noch niemand aus meiner Klasse, deswegen konnten hier schon mal keine Befindlichkeiten gestört werden. Nächstes Kriterium, klar, die Optik. Auch wenn ich an dieser Stelle gerne etwas anderes gesagt hätte. Aber das Aussehen ist gerade in diesem Punkt ziemlich wichtig. Denn es könnte ja der Fall eintreten, dass aus dem primär beabsichtigten Lippen- plus Zungenkontakt, ein Unter-den-Pullover-Schlüpfen und Fummeln werden könnte. Ein Wunschtraum, der, um die Spannung an dieser Stelle nicht ins Unermessliche steigen zu lassen, schon bevor es zu besagtem Lippenkontakt kommen sollte, ausgeträumt war. Zurück zur Auswahl: Von 28 Schülern, zieht man die mit einem Penis bemannten Geschöpfe Gottes ab, blieben 13 potentielle Kusspartnerinnen übrig. Zwei müssen von der Liste wieder gestrichen werden, denn rein optisch könnten diese beiden „Mädels“ auch zu den Jungs gezählt werden, sprich: beginnender Bartwuchs, kurze Haare, Beinhaare, Männerklamotten und Dreck unter den Fingernägeln. Böse Zungen würden sagen, dass es sich bei Martina und Barbara um die einzigen zwei Jungs in meiner Klasse gehandelt hat. Bleiben elf Mädchen übrig. Vorlieben, wie blond, brünett, groß, klein und so weiter, konnten sich aufgrund fehlenden Erfahrungen noch nicht ausbilden. Musste also das letzte Kriterium entscheiden: Der Charakter. Dieser konnte wiederum in zwei Kategorien unterteilt werden. Große Brüste und kleine Brüste. Gattung A ließen sich drei Damen zuordnen. Michelle, Tabea und Corinna. Tabea und Corinna waren auch noch nett und ich konnte mich mit ihnen unterhalten. Also nicht tiefsinnig, da ihnen jeglicher Sinn für Humor fehlte und mein Interesse an ihnen nicht unbedingt mit ihren inneren Werten zu tun hatte. Heute würde man sagen, sie waren hip, lässig und vielleicht ein bisschen zu cool. Ende der 90er waren sie knorke.

Nachdem meine Wahl also auf diese zwei Herzblätter gefallen war, ging es lediglich darum, beide über meine Absichten zu informieren, ein entsprechendes „Date“ zu fixieren und besagten körperlich Akt der Liebkosung durchzuführen. So weit die Theorie. Also, meine Theorie. Memo an mich, also an mein damaliges ich: Theorie und Praxis können sehr stark voneinander abweichen. Nur weil etwas in den Gedanken perfekt funktioniert, muss das nicht heißen, dass die Umsetzung auch nur annähernd etwas mit diesen Gedanken zu tun hat. Wobei auch die Theorie einige Schwächen aufwies, wie ich aus heutiger Perspektive durchaus zugeben muss. Mein Plan sah wie folgt aus: Ich lade beide zu mir nach Hause ein, zusammen mit einigen meiner Freunde. Ein paar coole Action-Filme sorgen für die passende Stimmung und dann läuft der Laden. Todesmutig und mit zwei handgeschriebenen Einladungen ausgestattet, schritt ich erst voller Selbstvertrauen, dann, mit geringer werdender Distanz zu den beiden Mädels, mit einem wachsenden Gefühl der Unsicherheit ausstaffiert, auf die beiden Östrogen-Spenderinnen zu. „Ich mache am Samstagabend einen Videoabend. Voll cool. Wir schauen Filme ab 16 und alle übernachten bei mir. Also wenn ihr auch kommen wollt, dann seid ihr hiermit herzlich eingeladen. Also nur, wenn ihr noch nichts anderes vorhabt.“ Die Augen begannen zu leuchten. Ihre lieblichen Lippen spitzten sich und es ertönte „Ja, klar, du attraktiver, höchst potenter Mann unserer Träume. Wir kommen sehr gerne zu dir. Schade, dass noch andere da sein werden. Zu dritt hätten wir doch am meisten Spaß.“ Über diese Antwort hätte ich mich durchaus gefreut. Naja, vielleicht habe ich sie auch erwartet, erhofft, erträumt. Stattdessen bekam ich diese Aneinanderreihung von Wörtern ins Gesicht geschmettert: „Nö du, keine Lust.“ Okey, was tun. Den Filmabend konnte ich jetzt nicht mehr absagen, auch wenn sich meine Lust, sich mit meinen Freunden auf einem Matratzenlager gespickt mit Chipstüten und Süßigkeiten, herumzutollen eher im negativen Zahlenspektrum bewegte. Da muss ich jetzt halt durch. Wird schon lustig werden. Und irgendwie sind Mädchen ja generell auch doof. Vor allem Tabea und Corinna, was für arrogante Schlampen. Denken, sie sind etwas Besseres. Was kann es an einem Samstagabend denn Cooleres geben, als sich mit einem offensichtlichen Traumtypen dem ungezwungenen oralen Liebesspiel hinzugeben? Eine rein rhetorische Frage. Natürlich gibt es NICHTS. Was denn auch? Was? Hä? Hä? Eine Frage, die mir bis heute schleierhaft bleibt.

Samstagabend 18 Uhr. Meine Freunde sind im Anmarsch. Eigentlich stimmt das Wort Anmarsch an dieser Stelle nicht. Sie wurden nämlich von ihren Eltern gebracht. Oder nur von der Mutter. Denn auch Ende der 90er Jahre lief um 18 Uhr am Samstag die Sportschau. Das heißt, die Männer waren verhindert und konnten ihre Sprösslinge nicht zu deren Abendprogramm bringen. Vielleicht war das auch der Plan von T. und C.? Ihren vollen Namen zu nennen, dessen sind die beiden an dieser Stelle nicht würdig, um wieder ein starkes Buchstabenkonglomerat zu verwenden. Was folgt ist ein perspektivischer Zeitsprung. Um die folgenden Begebenheiten in einer angemesseneren Nähe zu beschreiben, wird der folgenden Absatz im Präsens verfasst.

Der erste Film beginnt. Ein Klassiker. Rambo. Silvester Stallone in einer seiner besten Rollen. Wie er mit nacktem, muskelbepacktem Oberkörper, angespannten Armen und Maschinengewehr im Anschlag auf die Jäger schießt, der Schweiß über seine Stirn rinnt, ein homoerotischer, aber durchaus auch prägender Moment meiner Jugend. Die Zeit vergeht. Rambo hinterlässt Blut und Schmerzen, der Abend läuft gut. Frauen hätten die Atmosphäre der Brutalität durch ihre zarte Anmutung nur gestört. Es gibt Fanta, der Kuchen ist lecker und meine Eltern haben für uns alle Pizza bestellt. Was ein Samstag. Es klingelt an der Haustüre. Endlich, die italienischen Teigwaren belegt mit allem und sehr viel Käse werden in einer Warmhaltebox in den Florentinerweg 71 geliefert. Das Laut der Klingel lässt nicht nach. Ich renne die Treppen hinunter. Mein Vater steht bereits an der Tür, hält die Klinke im offenen Zustand gedrückt und strahlt mich an, als hätte ich gerade etwas getan, auf das er stolz sein konnte. Gedanken schießen durch meinen Kopf. Was ist los mit dem Alten? Noten, können es nicht sein. In der letzten Woche habe ich keine Klassenarbeiten geschrieben. Im Haushalt habe ich auch nicht geholfen. Nein, das kann es nicht sein. Ich schaue durch die geöffnete Tür in Richtung Vorgarten. Kein Pizzaduft, das steht schon mal fest. Stattdessen vier Brüste plus zwei Köpfe und der Rest halt. Hätte vor der Tür ein brennendes Einhorn gestanden, das mit lilafarbenen Wollpullovern, in denen klein Babyeinhörner stecken, jongliert, wahrscheinlich hätte ich nicht so dämlich geschaut. „Du hast Damenbesuch, mein Sohn“, kommt aus dem Mund meines grinsenden Vaters, der sich gerade tierisch freut, vom Sofa aufgestanden zu sein und diesen Moment nicht verpasst zu haben. „Hallo Corinna, hallo Tabea…“.

Wir verschwinden zu dritt in Richtung Treppe. Wie ein Gigolo auf Steroiden stolziere ich die Stufen empor. Das Gesicht meiner Freunde werde ich nicht vergessen. Respekt, Stolz und „Wie hat er das gemacht?“ steht in ihren Gesichtern geschrieben. „Was schaut ihr denn?“ „Rambo, aber der ist eigentlich schon fast fertig. Was wollt ihr denn schauen?“ Dumme Frage. Darf man so einer Frau nicht stellen. Memo an mich. Tu das nie wieder!!! Denn was dabei rauskommt, ist in den meisten Fällen irgendein Scheiß mit Hugh Grant.

Erste Annäherung: Wenn sie also noch gekommen sind, heißt das ja, dass sie mich irgendwie doch mögen. Also setze ich mich zwischen beide. Ist ja mein Zimmer, da darf ich machen, was ich will. Erster Fehler an diesem Abend. In Anwesenheit von weiblichen Wesen darfst du nie machen, was du willst. Dieses filmische Meisterwerk einer Liebeskomödie beginnt. An dieser Stelle möchte ich nochmal meiner Schwester danken, die mir, ohne auch nur eine einzige blöde Frage zu stellen, die VHS Kassette von Notting Hill in die Hand gedrückt hat. Danke, du bist toll. Dafür vergesse ich auch, dich ziemlich oft beim Sex gehört zu haben. In einem Fertighaus mit dünnen Wänden ist es nicht weit hin mit der Privatsphäre. 90 Minuten können sehr lang sein und auch sehr langweilig. In diesem Film passiert nichts. Also aus der Perspektive eines 14-Jährigen. Niemand stirbt, niemand wird verletzt. Es geht nur um Gefühle und so einen Mist. Und lustig ist da auch nichts. Aber, was macht man nicht alles? Die beiden sollen sich ja wohlfühlen. Man könnte schon sagen, dass sich ein Hauch von Romantik in meinem Zimmer breit macht. Mittlerweile ist es dunkel, der Röhrenfernseher flackert, alle liegen Seite an Seite auf aneinander geschobenen Matratzen. Der Film steuert seinem Höhepunkt entgegen. Jedenfalls habe ich das gedacht. Die Musik wird noch kitschiger und Tabea fängt an zu heulen. Es ist anscheinend extrem ergreifend was da passiert. Da ich dem Film nicht folge und mich ausschließlich darauf konzentriere einen wohlriechenden Atem zu behalten, kann ich nicht sagen, was da genau von statten geht. Aus meiner Sicht stellt sich das so dar: Der Film ist scheiße, so ist es. Absoluter Mist. Aber eine Filmkritik folgt zu einem späteren Zeitpunkt. Zeit für den Angriff. Tabea ist zu sehr mit Weinen beschäftigt, bleibt also noch Corinna. Auch ok, eher meine zweite Wahl. Aber auch ein Apfel im Supermarkt, der mit einem B gekennzeichnet ist und nur ein paar Druckstellen hat, kann durchaus schmackhaft sein. Ich beuge mich zu Corinna rüber, fasse sie an der Hand. Sie blickt mich an. Ist das ein Knistern? Fühlt sich so Liebe an? Ich deute das mal als ein GO. Was jetzt passiert ist wirklich so geschehen. Ich schwöre. „American Pie“ ist ein Witz dagegen. Ich liebe meine Familie. Ihr seid alle so toll. Jeder auf seine ganz eigene spezielle Art. Das Beil fällt. Die harten Lichtstrahlen meiner Deckenlampe hacken dem noch jungen Küken der Romantik, in meinem Reich der Lust, das zarte Köpfchen von der Schulter. In der Tür steht mein Vater zusammen mit meiner Mutter. „Jungs, Pizza ist da.“ Mein Vater so: „Oder kommen wir gerade ungelegen, MEIN SOHN?“ Corinna sollte in den nächsten Wochen, ja bis zum heutigen Tag, niemals wieder so nah an meine Lippen kommen. Sie erschrickt, ist peinlich berührt und springt zurück. Das Lachen im Gesicht meines alten Herrn sehe ich heute manchmal noch vor mir. Damals wäre ich am liebsten im Boden versunken. Wie peinlich ist das denn bitte schön? Heute sehe ich das anders.

Ein Lächeln_Balken

3 Kommentare zu „Ein Lächeln öffnet dir jede Tür“

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