Wassermelonensalat mit Feta und Erdbeeren – oder: Das tut durchaus etwas weh

„Sie kennen vielleicht keinen Schmerz, aber trotzdem sind die meisten heute tot.“

Ein Blitz rast durch mein rechtes Bein. Der Körper schmerzt. Die Haut brennt. Über den Punkt zu weinen und zu schreien bin ich schon lange hinaus. Diese Genugtuung gönne ich ihm nicht. Nein, ich werde nicht schreien. Heulen, wie ein kleines Mädchen, deren Barbie man den Kopf angekokelt hat. Kommt für mich nicht in Frage. Ich weiß, da draußen im Wartezimmer sitzen sie und erwarten eben genau das. Ich soll quieken wie ein Schwein auf der Schlachtbank. Das Bolzenschussgerät am Kopf und dann mit einem Lächeln den Drucklufthebel betätigen. Aber so nicht. Kein Laut gebe ich von mir. Okey, zugegeben, irgendwann muss ich lachen. Das klingt jetzt vielleicht wirklich blöd. Aber so ist das bei mir. Heulen. Schreien. Dann werde ich in der Regel ohnmächtig. Dann kommt lange nichts und irgendwann muss ich eben lachen. Ist unpassend. Aber ich habe mir das ja auch nicht ausgesucht.

Die Reihenfolge sieht so aus: Normaler Schmerz fühlt sich an wie umknicken. Tut weh. Da kommt auch schonmal ein Uff. Aber ich bin ja nicht aus Zucker. Also geht schon. Ich rede jetzt nicht von irgendwelchen Indianern, die keinen Schmerz kennen. Das habe ich erst wieder in der Markthalle gehört, gepaart mit dem schönen Spruch: Bist du ein Mann oder ne Memme? Sehr hilfreich. Da liegt dieser kleine Junge auf dem Gehweg. Er ist ein Geländer hochgeklettert und dann dummerweise, das war wirklich nicht so clever, abgerutscht und schön auf die Fresse gefallen. Die feine Dame weiß nichts anderes zu tun als die Schmerztoleranz amerikanischer Ureinwohner heranzuziehen. Ist ja aber auch keine wirkliche Alternative. Sie kennen vielleicht keinen Schmerz, aber trotzdem sind die meisten heute tot. Abgeschlachtet. Brutal beseitigt. Aber wenigstens haben sie nichts gespürt. Also jedenfalls keinen Schmerz. Vielleicht mussten sie ja auch lachen, als sie von besoffenen, perversen, sadistischen Siedlern gevierteilt wurden. Der Junge war dann wohl eher ne Memme. Und ein Indianer war er der Definition nach auch nicht.

Woher kommt dieses dämliche Sprichwort eigentlich? Wahrscheinlich eben von genau diesen ersten Europäern, die damals gen Amerika aufgebrochen sind, in das gelobte Land und dort die Ureinwohner in einem sauberen Genozid beseitigt haben. Aber Indianer kennen ja keinen Schmerz, also alles halb so wild. Stufe zwei: Schlag ins Gesicht. Wahlweise auch einen Ellbogen mitten rein ins Glück. Blut schmeckt metallisch. Warm und metallisch. Eisenhaltig. Wahrscheinlich auch gar nicht mal so ungesund. In den meisten Fällen hat man dann auch noch diese Brösel im Mund. Der Zahn explodiert förmlich in tausende Einzelteile und übrig bleibt dieses mehlartige Zeug. Ist ein bisschen so wie Sandkuchen essen. Schön feucht, ganz frisch aus einem roten Förmchen in Seesternoptik serviert. Das nächste Level ist ein Tritt in die Weichteile. Der Spann trifft mit voller Wucht auf die Eichel, der Penis knickt seitlich weg, die Hoden versuchen panisch mit Sack und Pack die Flucht nach vorne anzutreten, werden auf ihrer Reise aber durch den Aufprall zurück in die Realität und die kinderlose Zukunft geschleudert. Was bleibt ist der traurige Anblick toten Gewebes, das mitleidserregend und ohne jede Manneskraft am seidenen Faden baumelt. In diese Kategorie lassen sich auch sämtlich Brüche, Verrenkungen, Gehirnerschütterungen und leichte bis schwere Verkehrsunfälle mit Fahrzeugen bis 3,5 Tonnen einordnen.

Was folgt ist die letzte Stufe auf der Treppe hinab ins Reich des Hades. Hierzu vielleicht ein kleines Beispiel. Die Fraktur meines vorderen Kreuzbandes am linken Knie musste auf Anraten meiner Ärzte operativ gerichtet werden. Alles verläuft nach Plan. Wir befinden uns permanent im Schmerzlevel zwei. Mir wird also stündlich mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Wobei immer wieder zwischen Kiefer, Nase und Augenhöhle abgewechselt wird. Das Knie heilt, die Wunde wächst zu, alles gut. Wäre da bloß nicht diese nette kleine Drainage. Wir sprechen hier von einem etwa 20 Zentimeter langen, dünnen Schlauch, der dafür sorgt, dass die ganze Siffe aus meinem Knie geleitet wird. Dieses Ding war leider etwas zu lange in meinem Knie. Maximal drei Tage. Was soll da schon passieren? Nichts genau. Außer, dass sich um den Schlauch Gewebe gebildet hat. Ein langsames Ziehen soll mich befreien. Mit einer Geschwindigkeit von zehn Zentimetern pro Minute, der ganze Spaß dauert also zwei Minuten, reist der Schlauch neugebildetes Gewebe aus meinem Knie und befördert es, unter einem tosenden Gelächter meinerseits, an die wohlriechende Krankenhausluft. Wäre ich nicht so wütend, aufgrund der Unfähigkeit des Arztes, gewesen, wäre ich wohl ohnmächtig geworden.

Neben der Liege steht eine kleine Schale mit Wasser und ein Tuch. Eben für den Fall, dass ich ohnmächtig werde. Dann muss ich nämlich wieder geweckt werden. Die Behandlung funktioniert nur, wenn ich aktiv dagegen halte. Und dafür muss ich, richtig, wach sein. Aber darauf habe ich mich eingestellt. Meine Recherche zahlreicher Foren hat ergeben: Das wird die Hölle. Mütter schreiben darin, dass die Geburt der eigenen Kinder im Vergleich mit der Pein, die dieser alte Mann mit seinen Händen allein durch Druck auf die Haut verursacht, lächerlich waren. Ich stelle mir vor, wie es sich wohl anfüllt, eine Wassermelone am Stück aus seinem Enddarm zu pressen. So ein schönes großes sieben Kilo Exemplar. Ich verwerfe diesen Gedanken. Ich bekomme Hunger. Kleiner Rezepttipp am Rande: Wassermelone kleinschneiden. Etwas Fetakäse würfeln. Erdbeeren, Minze und Basilikum dazu und mit etwas Salz, Pfeffer und Limette abschmecken. Ein top Sommersalat. Wirklich lecker.

Die Decke ist gemustert. Weiß, mit kleinen Fragmenten besetzt. Die lassen sich sehr gut zählen, um die Zeit zu überbrücken. Zeit ist ein gutes Stichwort. Die Uhr tickt nämlich. Also permanent. Tick. Tick. Tick. Eine Sekunde kann ganz schön lange dauern, wenn man auf das nächste Tick wartet. Ich beginne zu singen. Also im Geiste. Zugegeben ist das eher eine Art Sprechgesang. Fettes Brot ist am Start. Es ist 1996. Meine Freundin ist weg und bräunt sich in der Südsee. Allein?… Und so weiter.

Ich muss lachen. Herr Khalifa dreht sich zum Kopfende der Liege und sagt: So, das wars. Wir sind fertig hier. Echt jetzt? Das wars? Nach 75 Minuten Folter ist das alles? Der Blick wandert mein Bein hinunter und bleibt am Knie hängen. Gefühlt hat mir der alte Mann ein rostiges Messer mehrfach seitlich ins Knie gerammt und dann rhythmisch gedreht. Aussehen tut es aber ganz normal. Etwas rot vielleicht. Aber nichts Wildes. Das wird schon, meint er dann. Aber nicht übertreiben. Ja klar, als wenn ich übertreiben würde.

Ich ziehe mich an und laufe zum Bahnhof. Durch das verschneite Salzburg. Ich denke über Indianer nach. Schmerzen. Und Wassermelonensalat.

Wassermeldonensalat

 

 

 

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