Im Frühtau zu Berge – oder: Von Hügeln und Eiern

„Der Pussy Slap ist (…) ein Akt der Dominanz…“

Ganz ehrlich, ich bin geschockt. Entrüstet. Das geht jetzt aber wirklich zu weit. Ich bin kurz davor mein Facebook-Profilbild zu ändern. Und das will was heißen. Schließlich fordert mich Mark Z. schon seit mehreren Wochen dazu auf, meinen Online-Auftritt zu erneuern. „Lass deine Freunde sehen, wie du heute aussiehst.“ Ganz ehrlich Mark, halt die Fresse. Du kannst mich mal. Ändere du, was du willst. Wie wärs denn zum Beispiel mit den AGBs oder die Tatsache, dass der Messenger mithört, auch wenn das Smartphone im Standby-Modus ist. Komischerweise bekommt man nämlich bei Facebook Werbung, die zu dem passt, was man gerade mit Freunden besprochen hat. Nur so. Google das mal. Ist wahrscheinlich alles reiner Zufall.

Seit 17 Monaten habe ich das gleiche Facebook-Bild und das geht anscheinend gar nicht. Jetzt steh ich aber kurz davor. Weg damit. Ein Protestbild muss her. Grund meiner Erregung oder sollte ich vielleicht besser Aufregung sagen, Erregung könnte hier von irgendwelchen kindischen Idioten falsch verstanden werden, ist ein Artikel, den ich heute morgen bei Spiegel Online gelesen habe. Kindisch ist das ganz und gar nicht. Sowas gab es früher nicht. Punkt. Da herrschte noch Zucht und Ordnung. So der allgemeine Tenor. Wer kommt denn Bitteschön auf so eine Idee? Ist doch krank. Und nur, weil man eben mal das Wort Pimmel, Penis oder Schwanz in den Mund nimmt, muss nicht gleich hinter dem Rücken getuschelt werden. Werd´ endlich erwachsen. Mein Computer kennt das Wort Pimmel nicht mal. Die Autokorrektur ändert diese perverse Wortschöpfung gleich in einen gesegneten Begriff voller Harmonie und Glückseligkeit: nämlich Himmel. Jetzt wollte ich eigentlich wieder Pimmel schreiben. Und schon wieder ists passiert. Himmel. Pimmel, Pimmel, Pimmel. Bin wohl etwas abgetriftet. Das P-Wort und das H-Wort kommt in besagtem Artikel so gar nicht vor. Trotzdem musste das einfach mal gesagt werden.
Zurück zu der Kolumne auf Spiegel Online. Spiegel Online, einst ein Nachrichten-Portal, auf dem seriöse Journalisten Artikel publizierten, die noch von Interesse waren. Politik, Wirtschaft, Kultur und Zeitgeschehen. Aber auch der Spiegel muss mit der Zeit gehen und die Zeit ist wie wir alle wissen ein kleine Hure. Neben den durchaus lesenswerten Artikeln über Heidi Klum und der Rubrik „kurz und krass“, die heute mit der Schlagzeile ins Rennen geht „Auto bleibt in Straße stecken!“, gibt es hier noch ein Bild von Frau Merkel mit Bierglas und die neuste BMW-Werbung. Nochmal zu diesem In-der-Straße-Steckenbleiben. Ein amerikanischer Teenager fährt mit seinem Auto in eine frisch betonierte Straße. Das wars. Lustiges Bild dazu. Fertig ist der Qualitätsjournalismus 2.0. Reicht vollkommen aus, um viral durchzustarten. Alles andere ist ja mittlerweile eh zweitrangig. Neben diesen Highlights hat auch ein anderer, nennen ihn wir es mal, Aufsatz, mein Interesse geweckt.
Es geht um das Phänomen „Pussy Slapping“. Schon wieder macht mir die Autokorrektur einen Strich durch die Rechnung. Aus Slapping wird Salbung, was die Bedeutung etwas verändert. Ich will versuchen diese hoch komplexen Zeilen kurz zusammenzufassen. Es gibt einen neuen Trend an vielen Schulen. Mädchen, zwischen 9 und 15 Jahren, schlagen oder klatschen sich dabei mit der offenen Hand auf den Venushügel. Hierbei gibt es anscheinend zwei Techniken. Zum einen wird mit der Handinnenseite eine vertikale Schlagbewegung ausgeführt. Die Finger müssen dabei zu einer Fläche, ähnlich einem Paddel, gebündelt werden. Variante B ist eher etwas für den beiläufigen Pussy Slap. Im Vorbeigehen mal schnell mit den Handknöcheln den weiblichen Intimbereich boxen. Ein toller Trend. Die Autorin macht noch darauf aufmerksam, dass die Leser bitte nicht der Versuchung nachgeben sollen, den Trend zu googeln. Das könnte ziemlich verstörend sein und den Intellekt des durchschnittlichen Spiegel-Sympathisanten auf Praline-Niveau hinauf stufen. Egal, ich habe gegoogelt. War definitiv interessanter als der Artikel. Aber das war ja zu erwarten.
Gekonnt wird der Bogen überspannt und reicht hinein bis ins politische Lager. Natürlich darf Donald Trump nicht fehlen. Hat zwar gar nichts damit zu tun. Aber wenn der Name erwähnt wird, dann kann man ihn ja theoretisch verschlagworten und so bekommt man Klicks. Eine Praktik, die ich bis aufs Tiefste verabscheue. DONALD TRUMP hat die Technik des Pussy Grabbing populär gemacht. Etwas ganz anderes. Hier muss die Hand zu einer Art Haken geformt werden. Und nicht zu einem Paddel. Sogar meine Autokorrektur kennt den Unterschied.
Jetzt wird es kurz wissenschaftlich. So ein Trend muss natürlich gleich untersucht werden. Am besten noch eine Studie anfertigen lassen. Die arme Sau, die dazu Stellung beziehen muss heisst Kasten, Herr Dr. Kasten. Ein Neuropsychologe. Wahrscheinlich hat er bis zum Anruf der Journalistin noch nie von den Trend gehört und jetzt muss sich der arme Kerl, bis die Olle zum Interview erscheint, schnell eine plausibel klingende Erklärung aus dem Ärmel schütteln. Und die klingt dann so: „Der Pussy Slap ist (…) ein Akt der Dominanz, mit dem ein junges Mädchen quasi symbolisch versucht, das Sexualorgan ihrer Nebenbuhlerin zu schädigen oder deren Lustgefühl zu verhindern, um sie als Konkurrentin auszuschalten.“ Klingt einleuchtend. Wenn ein Mädchen den einzigen nicht blaugeprügelten Intimbereich hat, steigert das definitiv ihre Chancen. Aber wie sieht so ein neuer Trend eigentlich genau aus? Was passiert da? Auch hier wird bildlich beschrieben, wie die heutige weibliche Jugend miteinander umgeht. Ein Auszug aus besagtem Aufsatz: „Hey, Jeanette, gestern noch bowlen gewesen?“ Klatsch! „Nö, zu Hause gechillt und YouTube geguckt.“ Klatsch! Gelächter. Gröl. Kreisch.“ Also ich kann mirs wirklich gut vorstellen. Ich sehe es quasi vor mir.
Jetzt geht die Autorin in die Vollen. „Ich finde es generell nicht schlimm, wenn junge Mädchen auch mal grob miteinander umgehen. Meine Tochter betreibt Karate und hat großen Spaß daran, „sich zu kloppen“, wie sie sagt.“ Nur kurz, wenn deine Tochter Karate betreibt, dann hat sie bestimmt verschiedene und vielleicht auch ausgefallene Slap-Techniken am Start. Bei klasseninternen Wettbewerben, wie es sie laut Artikel anscheinend gibt, landet sie bestimmt konstant im oberen Drittel. Da kannst du stolz sein.
Sowas hat es früher nicht gegeben. Das ist auch so ein schöner Satz. Also, dass Mädchen sich, mit der offenen Hand. Niemals. Wär ein Unding gewesen. Die ganze Gesellschaft ist pornosüchtig. Überall wo man nur hinschaut. Penisse, Pimmel und ein Gebirge aus Venushügeln. Widerlich. Wo kommen wir da denn hin? Böse Zungen könnten sagen, das ist der Weg zur Gleichberechtigung. Vor 25 Jahren, als ich noch in die Grundschule ging, hieß dieser, sagen wir eben auch mal Trend „Eier-Kickerles“. Nur wurde nicht mit der offenen Hand geklapst, sondern mit dem vollen Spann getreten. Auch lustig, aber eben ein reines Jungs-Ding. Später nannte man es dann Sackeln. Schön mit der Faust seinem Gegenüber das Glöckensäckchen zum Läuten gebracht. Wo war da der Aufschrei? Der Spiegel-Artikel? Der Neurowissenschaftler? Herr Dr. Karsten? Wenn das mit der Gleichberechtigung so weiter geht, dann dürfen Frauen in Saudi-Arabien vielleicht bald auch ohne Fussfesseln und Eisenketten auf die Straße. Das wäre doch mal ein Trend.
Ich lese jetzt mal noch schnell den Artikel über den Ami fertig, der sein Auto oder wahrscheinlich das seiner Eltern, in die frisch betonierte Straße gesetzt hat. Der ist echt gut.
Zugspitze 1 012

2 Kommentare zu „Im Frühtau zu Berge – oder: Von Hügeln und Eiern“

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