Momentaufnahme – oder: Hochmut kommt vor dem Fall

„Verglichen mit unseren Oberschenkeln, ist der gewaltige Bizeps aber eher ein niedlicher Salamander.“

Wir entscheiden uns für die luftige Variante. Ein schönes Wort: luftig. So leicht. Beflügelnd. Das schaffen wir jetzt auch noch. Hinter uns liegt ein langer, kräftezehrender Aufstieg. 600 Meter Fels. Stein. Eine Wand, vorher nur von den tollkühnsten und mutigsten Athleten bezwungen. Die Elite im Bergsport. Menschen, die auf Postern in Jugendzimmern hängen und für den ein oder anderen feuchten Traum deren Bewohner gesorgt haben. Und dann kommen wir. Voll im Saft. Motiviert, selbstbewusst, mit leichtem Hang zur Arroganz und keinem blassen Schimmer, was uns da genau erwartet.

Aber wer, wenn nicht wir, kann es mit diesem Ungeheuer von Klettersteig aufnehmen? Wann, wenn nicht jetzt? In der Blüte unserer elitären körperlichen Beschaffenheit? Die Muskeln strotzen nur so vor geballter Leistungsfähigkeit. Teilweise haben die Adern, die sich über den angespannten Bizeps ziehen, wiederum eigene Adern, die dafür verantwortlich sind, dass die Blutbahnen selbst mit ausreichend Futter versorgt werden, damit diese wiederum stark genug sind, um die Energie geladenen Kraftmaschinerie am Laufen zu halten. Verglichen mit unseren Oberschenkeln ist der gewaltige Bizeps aber eher ein niedlicher Salamander, der sich hinter einem, am Boden liegenden Steinchen versteckt, während eine wütende Elefantenherde an ihm vorbei donnert. Jahrelanges Mountainbiken auf höchstem Niveau, hat dafür gesorgt, dass unsere Beine ein erschreckendes Kraftniveau erreicht haben. Stell dir das Schwerste vor, das du jemals hochgehoben hast. Und jetzt verdopple es und du hat ein Zwanzigstel des Gewichts, das wir schultern können, während wir einbeinige Kniebeugen machen. Um das also kurz zusammenzufassen, wir sind relativ gut in Form.

Wahrscheinlich fitter, als du jemals sein wirst. Aber das ist ein anderes Thema. Es geht hier ja nicht um dich, sondern um uns. Es geht eigentlich immer um uns. Außerdem ist es nicht fair Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Wir, der knackige Apfel, lecker, schmackhaft, mit diesen kleinen Tautropfen auf der Oberfläche und dem herzhaften frischen Knacken, wenn sich die Schneidezähne in das fruchtige Fleisch bohren. Und du, die labbrige Birne.

Aber genug vom Obst. Zurück zum Fels der Entscheidung. Die Hände schmerzen. Risse bilden sich in der Haut. Die Handschuhe sind durchgewetzt. Die Drahtseile zu umklammern erfordert Kraft. Viel Kraft. Unsere Körper sind ausgezehrt. Und das will was heißen. Unmenschliches liegt hinter uns. Ruhm, Ehre und lauwarmes Dosenbier wartet im Tal. Was uns trennt, ist der Abstieg. Und den wollen wir noch spektakulär gestalten. Ganz ehrlich, wenn es die Optionen A, normaler Abstieg, und B, luftige Variante gibt, zeig mir da Bitteschön denjenigen, der sich für die kleine-Mädchen-Lösung entscheidet.

Wir wollen die Luft um die Nase spüren. Das Adrenalin, welches sich ausbreitet. Die Pupillen, die sich weiten. Am Berg vergeht die Zeit anders. Das Blut pumpt durch den Körper. Du spürst, dass du am Leben bist. Intensiv. Der Geruch. Die Luft. Die Sinne sind geschärft. Die Probleme, weit weg. Irgendwo unten, zwischen Parkplatz und Altersvorsorge. Mit zwei Klicks beißen sich die Sicherungshaken um das Drahtseil fest. Es kann beginnen. Die Höhle öffnet sich. Ein Fernblick wie auf einer Postkarte. Einer sehr kitschigen noch dazu. So etwas Schönes habe ich selten gesehen. Vielleicht liegt das auch an meinem Zustand. Glücklich im hier und jetzt. Ich muss aus der Höhle raus, dann links an der Wand entlang. Mein Blick wandert hinunter. Unter meinen Füßen geht es 600 Meter in die Tiefe. Keine Tritte, nichts. Glatte Wand. Okay, wird schon gutgehen. Drei. Zwei. Eins. Ich lehne mich ins Seil und das Seil…gibt nach.

Hochmut kommt vor dem Fall.

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5 Kommentare zu „Momentaufnahme – oder: Hochmut kommt vor dem Fall“

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