Dieter und ich – oder: Eine Liebe im Dutzend

„…aber wahrscheinlich nicht, um ihren Lurchi zu lecken.“


Du ächzt nach Wasser. Ein kleiner Tropfen würde schon genügen. Nur ein klitzekleiner. Die Sonne brennt. Ohne Gnade fressen sich die Lichtstrahlen durch deine Oberfläche. Man sieht es dir schon an, dass du die Hitze nicht verträgst. Deine kräftige Farbe, frisch, so voller Leben entrinnt deinem ausgezerrten Körper. Dein Duft verfliegt in der trockenen, staubigen Luft. Nicht einmal Insekten sind zu sehen. Die kleinen Krabbeltierchen verstecken sich im Schatten. Energiesparen ist angesagt. Wer sich etwas für schlechte Zeiten zurückgelegt hat, kann sich glücklich schätzen.

Die besagten Zeiten sind nämlich jetzt gekommen und sie dauern an. Wie lange kann man es eigentlich ohne Wasser aushalten? Drei Tage? Vielleicht vier? Aber doch nicht bei diesen Temperaturen. 33 Grad und dann kein Schatten. Nirgends.

Also ich habe mal gelesen, in so einer Zeitung, oder war das eine Dokumentation? Ich weiß nicht mehr genau. Ist aber auch nicht so wichtig. Zwei Wochen ohne Wasser und trotzdem überlebt. Respekt. Spätfolgen? Ok, die gab es. Jetzt nichts Tragisches. Wobei das wiederum wahrscheinlich Ansichtssache ist. Ich, für meinen Teil finde ja, dass gelegentliche Amputationen auch etwas für sich haben. Für die schlanke Linie zum Beispiel. Schnell mal ein paar Kilo verlieren. Am besten am Gelenk ansetzen und dann ist das auch zügig gemacht. Wer mit der Mode gehen will, der muss halt auch mal federn lassen. Marilyn Manson hat sich beispielsweise ein Rippenpaar entfernen lassen, damit er sich selbst oral befriedigen kann, sagt die Bravo jedenfalls. Ob der gute Mann auch über eine Penisvergrößerung nachgedacht hat? Wäre vielleicht nicht so egoistisch gewesen.

Oder wie wäre es mit Yoga gewesen? Ich hab da Sachen gesehen. Wahnsinn, wie gelenkig man dabei werden kann. Verrückt diese Inder. Verknoten sich da förmlich oder auch ungezwungen. Aber wahrscheinlich nicht, um ihren Lurchi zu lecken. Das ist dann doch eher ein netter Nebeneffekt. Wahrscheinlich suchen sie Erleuchtung und wollen auf direktem Wege zu Shiva. Oder verwechsle ich da gerade was? Ich habe mich jetzt übrigens auch für einem Kurs angemeldet. Die Krankenkasse zahlt. Und ein bisschen flexibler in Hüfte, das schadet mir bestimmt auch nicht. Aber zurück zu Herrn Mansons Körperverschönerung. Rippen raus. Winkel passt. Und los geht die wilde Lutsch-den-Lukas-Fahrt. Verkehrte Welt. Umgekehrt züchtet man Schweinen zusätzliche Rippen in ihren Körper, damit wir mehr marinieren und auf den Grill werfen können. Wahrscheinlich nur, um das weltweite Rippenniveau im Gleichgewicht zu halten. Man weiß ja nicht, wie viele einsame Männer dem Trend gefolgt sind. Wie sagt man so etwas eigentlich dem Chirurgen? Entschuldigen Sie, ich bin manchmal sehr einsam und da wäre es ganz praktisch, wenn ich mir selbst…“.

Zurück zu dir, lieber Dieter. Immerhin, den Rumpf hast du ja noch und der ist stattlich. Also kein Grund dich zu beklagen. Wer braucht schon Arme? Ok, das ist leicht gesagt. Immerhin hab ich noch welche. Aber die Frisur sitzt. Da lässt du nichts auf dich kommen. Ein harter Kerl bist du. Jetzt sind 72 Stunden rum. Und du wartest immer noch. Doch dann, ein Grollen am Himmel. Dunkle Wolken ziehen auf. Ein Sommergewitter kündigt sich an. Jetzt oder nie. Du versuchst die ersten Regentropfen zu erreichen, fühlst dich aber wie angewurzelt. Das Wasser plätschert auf den Terrassenboden nieder. Feuchte Luft umhüllt dein Gewand. Das war knapp. Nochmal gut gegangen.

dieter

Nach vier Wochen schließe ich die Tür meiner Studentenwohnung auf. Hier muss dringend mal gelüftet werden, denke ich mir. Ich öffne die Glastür, die hinaus in den Gemeinschaftsgarten führt. Meine Jukka-Palme sieht etwas vertrocknet aus. Und warum hat sie die ganzen Äste verloren? Nach einigen Tagen ist Dieter aber wieder auf dem Damm. Mittlerweile leben wir seit 12 Jahren in einer Wohngemeinschaft.

Das mit den Armen hat er mir immer noch nicht verziehen. Aber wir arbeiten dran. Auf das nächste Dutzend, mein Bester.

 

 

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