Auf der Suche nach dem heiligen Gral – oder: Du armes, reiches Schwein

„Mit der Beschreibung höre ich bewusst oberhalb des Kinns auf. Nennen wir es Selbstschutz oder Respekt vor dem Künstler.“

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Der Hut sitzt. Das Hemd ist schmutzig. Etwas Wüstensand. Nichts, was man durch kurzes Klopfen nicht wieder ins Reine bringen könnte. Die Peitsche ist sorgsam am Gürtel befestigt. Der Blick, entschlossen. Niemand würde es wagen sich ihm in den Weg zu stellen. Ok, da sind wie immer diese Nazis, die eben auch nach dem heiligen Gral suchen, um Hitler die Supermacht über die Menschheit zu ermöglichen. Aber die Deutschen zählen an dieser Stelle nicht. Weiß ja jeder, dass da am Ende nichts bei rumkommt. Welcher Regisseur würde schon die Nazis gewinnen lassen?

Jetzt kämpft sich der gute Indiana schon fast zwei Stunden über die verschiedensten Kontinente. Das Finale fest im Blick. Der Gral zum Greifen nahe. Sean Connery ist auch schon all seine lustigen Junior-Sprüche losgeworden. Läuft also. Immerhin geht der Film ja nur noch 30 Minuten. Exklusive Werbung und diesen Zwanzig-Sekunden-Überlappungen, damit man nach dem Befriedigen seiner grundlegendsten Bedürfnisse, Pinkeln und dem Gang zum Kühlschrank, nicht den Anschluss verliert und denkt, wie das jetzt alles nochmal zusammenpasst. Danke für diese Errungenschaft, die es mir ermöglicht, jetzt auch die letzte, einsam zurückgebliebene Gehirnzelle in ihren wohlverdienten Feierabend zu schicken, während ich mir den Primetime-Blockbuster reinziehe.
Dr. Jones steht auf einer Brücke, die es zu überqueren gilt. Eigentlich klar. Dafür sind Brücken nun mal gebaut. Wenn es nichts zu überqueren gäbe, wäre ein Brücke auch ziemlich sinnlos. Er steht also auf besagter Brücke. Und dann passiert es, ein Wilder taucht auf. Kriegsbemalung im Gesicht. Sein Gemächt nur durch einen Lendenschurz bedeckt. Vermutlich der beste Krieger seines Stammes. In der Hand, ein krasses Messer. Also nicht irgendeine Klinge, sondern die Klinge schlechthin. Quasi ein Schwert, von dem jeder kleine Junge träumt, wenn er trotz der Aufforderung seiner Eltern in der Fußgängerzone vor dem Geschäft für Waffen, Pfeifen und Jägerbedarf stehen bleibt und sich die neusten und spektakulärsten Ausweidegerätschaften anschaut, während er davon phantasiert, wie er in Person von eben diesem Indiana Jones die Menschheit vor den bösen Nazis beschützt und gleichzeitig noch das heißeste Mädchen der Welt in den Armen hält. Schon ein ziemliches Gerät.

Jetzt komme ich aber zu der eigentliche Szene. Dieser mutige Krieger versucht durch einen verrückten, an Karate erinnernden Kampfstil, Eindruck auf Archäologen zu machen. Wobei Archäologe eine ziemliche Untertreibung darstellt. Das ist ungefähr so, als wenn der Klempner in einem Porno wirklich nur zum Reinigen und Reparieren der verstopften Rohrleitung gekommen wäre. Ich schweife ab. Wobei, wenn ich so genau nachdenke. Es gibt doch diese Auflistung der einhundert lustigsten Pornotitel. Kurz nach „Oma hält ihren Stuhl fest“, sehr kreativ, da muss man erst mal drauf kommen, folgt „In Diana Jones“. Ob hier auch Nazis mitspielen, weiß ich im Detail nicht genau. Obwohl in diesem Werk ziemlich viele Glatzen mitmischen und die Farbe braun ein nicht zu verkennendes Stilelement darstellt.

Jetzt muss aber endlich diese Brückenszene kommen. Beide stehen mehrere Meter voneinander entfernt. Der verrückte Wilde mit der Messer links, Harrison Ford rechts. Jeder rechnet mit einem krassen Kampf. Immerhin versucht der Lendenschurz-Mann nur das Erbe seiner Vorfahren zu verteidigen. Er bietet alles auf, zeigt sein gesamtes Repertoire an Moves. Indiana Jones zückt die Pistole und erschießt ihn. Tot. Das wars. Vorbei.

Jetzt könnte man sagen: Klar, was ein Idiot. Das kommt davon, wenn man zu einer Schießerei ein Messer mitbringt. Aber der arme Kerl hat sich die Sache so wahrscheinlich auch nicht ausgedacht. Vielleicht hatte er von Revolvern noch nie etwas gehört. Warum auch? Kann er ja nicht ahnen, dass da irgendein besessener Professor in den Dschungel kommt, um von dem friedlichen Naturvolk deren heiligstes Hab und Gut zu stehlen. Es anschließend in ein Museum stellt, um es wiederum vor den Nazis in Sicherheit zu bringen. Da liegt er nun, mit einer Kugel in der Brust. Du armes Schwein, denke ich. Hattest ja keine Ahnung, worauf du dich da eingelassen hast.

Der weiße Türrahmen bewegt sich. Ich werde aus meinem Tagtraum gerissen. Raus aus der Wüste, dem Dschungel, den 30er Jahren. Die Abenteuer sind weg. Und ich sitze in einem Whirlpool. Die Bläschen umspielen meinen Körper. Fünf Sterne Luxus mitten im Schwarzwald. Und ich mittendrin. Nackt, in einem 36 Grad heißen Pool. Die Fingerkuppen sind schon wellig und bilden an ihren runzligen Enden kleine weiße Stellen. Aber so ist das eben, wenn man seit fast einer Stunde in einem besseren Leben badet. Zwei Personen begeben sich ebenfalls in den Pool. Auch nackt. Klar, ist ja auch ein textilfreier Bereich hier.

Unterschiedlicher könnten die beiden nicht sein. Ja, ich weiß, andersrum ist das gesellschaftlich schon anerkannt. Aber wenn einmal eine ältere Frau mit einem jungen Kerl… Dann ist der Aufschrei immer gleich riesig. Ich versuche die folgenden Zeilen respekt- und würdevoll zu beschreiben. Die Dame würde ich auf Anfang bis Mitte 50 schätzen. Wobei das auch nur eine grobe Annäherung sein kann, da ein begabter Schönheitschirurg, ich nehme jetzt mal an, dass er begabt war oder zumindest teuer, ihr einen geschätzten Quadratmeter Haut aus der Visage geschnitzt hat, um so die tiefe Furchenlandschaft in ein Baby-Popo ähnliches Oberflächenbild zu verwandeln. Blondierte Haare und ein arroganter Blick, komplettierten ihr äußeres Erscheinungsbild.

Mit der Beschreibung höre ich bewusst oberhalb des Kinns auf. Nennen wir es Selbstschutz oder Respekt vor dem Künstler. Aber dieser Blick war schon krass. „Ich nehme mir, was ich will, wann ich will!“. Und das hat sie ganz offensichtlich auch getan. Ihr folgt nämlich ein gutaussehender, junger, dynamischer Mann. Auch wenn die Beschreibung auf mich passt. Ich wars nicht, ich saß ja zu diesem Zeitpunkt ja schon im Pool. Eher der Typ, Bruce Willis in jung. Markant. Muskulös. Und am rechten Handgelenk, eine Rolex. Schwarz. Sieht schon komisch aus, wenn ein Mann nackt vor dir steht und nur ne fette Armbanduhr trägt.

Er schaut mir direkt in die Augen. Ich lächle beide an und denke mir meinen Teil. Das sieht ja wirklich ein Blinder, was hier los ist. Fragen gehen mir durch den Kopf. Wie oft musste der Kollege wohl in der letzten Zeit über die Hautlappen rüber röcheln, damit er diese, zugegeben sehr schön Uhr, sein Eigen nennen durfte? Mir schießen Bilder in den Kopf. Ungefähr so stelle ich es mir vor, wenn die linke Sahra mit ihrem Oskar zu Gange ist. Das tiefe Schnaufen. Das Grunzen. Und der Geruch von welkem Stangensellerie. Nur eben andersrum. Ist, glaube ich, verständlich, was ich meine.

Ich habe mal gesehen, wie eine Froschfamilie überfahren wurde. Das war auch irgendwie eklig, und trotzdem musste ich hinschauen. Hier ist es ähnlich. Wobei hier natürlich nicht die Gedärme durch sämtliche Körperöffnungen gepresst werden. Mein Blick wandert also ganz beiläufig umher und bleibt an ihrem Hals hängen. Sie trägt eine Kette aus Gold. Ein mit Brillanten besetzter Schriftzug fungiert als Anhänger. In geschwungenen Lettern steht hier „Diana“ geschrieben. Das kann jetzt nicht sein. Echt jetzt?

Ob die beiden den Film kennen? Also nicht den Archäologen-Film, sondern den anderen? Ich lächle die beiden erneut an und verlasse den Pool. Mir scheint, hier wird gleich eine Fortsetzung gedreht. „In Diana Jones und der Strudel des Schreckens“. Alternativ könnte ich mir auch „Vier Fäuste für ein Halleluja“ vorstellen. Wobei er da wahrscheinlich Angst um seine Rolex hätte.

 

 

 

1 Kommentar zu „Auf der Suche nach dem heiligen Gral – oder: Du armes, reiches Schwein“

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