Kurz und knackig – oder: Titten gehen immer

„Dominika, das erste Modell. Für alle, die nicht lesen können oder sich gerade einen runterholen, das ist die Dame mit lilafarbenen Bikini und weißem Helm. Sie ist Studentin und hat längst den Status der Abiturientin hinter sich gelassen. Skandal.“

*Namen, Fakten und Inhalte könnten eventuell fiktionalen Ursprungs sein…

(K)ein Witz. Diesmal nicht Spiegel Online, sondern N-TV. Der im Folgenden besprochene Artikel handelt von einem Praktikum im Atomkraftwerk. Oder besser gesagt, das Bewerbungsverfahren, um eben einen solchen Praktikumsplatz zu ergattern. Bevor ich genauer auf den Inhalt eingehe, hier noch ein paar Informationen, die so vielleicht noch nicht bekannt waren. Beziehungsweise, die sich durch den gezeigten Content in keinster Weise erschließen. Das N in dem kreativsten aller Kürzel bedeutet eigentlich Nachrichten oder News. Konnte ich auch erst nicht glauben. Viel wahrscheinlicher wäre „Null“, „Nutzlos“, „Na sowas“, „Nutten“ oder „Nackedei“ gewesen. Aber nein, das N steht für Nachrichten. Punkt. Strich drunter. Eine leichte Tendenz, wie ich zur Prinzessin Lillifee unter den Nachrichtensendern stehe, ist vermutlich schon jetzt nicht mehr ganz zu verheimlichen.

Aber vielleicht weiß ja nicht jeder, was dieses Nachrichten eigentlich genau bedeutet. Deswegen hier eine kleine und wirklich nicht allzu komplizierte Definition. „Die Nachricht ist eine direkte, auf das Wesentliche konzentrierte und möglichst objektive Mitteilung über ein neues Ereignis, das für die Öffentlichkeit wichtig und interessant ist.“ Soviel zum Thema von dem Leipziger Professor und Journalisten Dietz Schwiesau. Aber was genau heisst wichtig und interessant. Nur weil es mich nicht interessiert, bedeutet das noch lange nicht, dass es vielleicht dem geschätzten Kollegen mit dem etwas leichteren Gemüt, beim Lesen dieser Mitteilung nicht die Socken auszieht und er sich auf einen Power Nap in sein Mütze-Glatze-Zelt zurückzieht.

Klar, auch hierfür gibt es die Lösung: Nachrichtenwertfaktoren. Dieses Wort kennt nicht einmal die Autokorrektur von Word. Wie sollen es dann die fleissigen Schreiberlinge im Copy-and-Paste-Journalismus verstehen? Wo doch die sprechende Büroklammer Karl Klammer, ihr einziger Freund und Gesprächspartner zu sein scheint.

Kurz zur Erklärung. Einer dieser Faktoren ist Nähe. Ein Beispiel. Bei einem Anschlag in Mogadischu sind 20 Menschen getötet worden. Die Attentäter sind mit einem mit Sprengstoff beladenen Auto in ein Restaurant gefahren und haben dort gezündet. Bam. Alle tot. Hauptsächlich Frauen, die dort gearbeitet haben. Eine Terrorgruppe hat sich auch schon dazu bekannt. Also alles in allem eine runde Sache. Und? Bist du jetzt schon ein bisschen betroffen? Nur ein kleines bisschen? Sind wir doch mal alle kurz ehrlich. Also nur zu uns selbst. Mogadischu. Das ist uns doch scheiß egal. Na und? Sind da halt schon wieder irgendwelche Menschen gestorben. Da unten passiert sowas doch dauernd.

Gleiches Szenario. Auto, Bombe, zwanzig tote Frauen. Und das mitten in München… Ich möchte gar nicht wissen, was hier los wäre. Der Faktor Nähe hat zugeschlagen. Meistens ist es aber nicht nur ein einzelner Schlag, sondern eben eine ganze Punchline, eine Schlagkombination, die zum Einsatz kommt. Sprich: Es sollten schon mehrere Faktoren erfüllt sein. So arbeiten Journalisten und Redaktionen. Oder besser gesagt, so sollten sie arbeiten. Klar, der Auftrag ist, eine möglichst objektive Sicht auf die Dinge zu liefern. Oder vielleicht sagt man besser gleich eine ausgewogene Auflistung an Subjektivitäten. Objektivität, so etwas gibt es doch gar nicht. Irgendwie, irgendwo, irgendwann ist alles mal aus einem einzelnen Gehirn gekrochen. Und schon verfärbt sich der Gedanke.

Zurück zu N-TV. In der allseits beliebten Rubrik Panorama, die in der Reitereihe immerhin noch vor Unterhaltung und Technik kommt, erschien am vergangenen Freitag der Artikel „Ausziehen fürs Praktikum: Studentinnen zeigen Haut für Job im AKW“. Ich fasse den 15 Zeilen umfassenden Investigativ-Bericht möglichst wertneutral zusammen. Der Betreiber eines tschechischen Atomkraftwerks veranstaltet auf seiner Facebook-Seite einen Bikini-Wettbewerb. Junge, hübsche Abiturientinnen dürfen sich hier quasi nackt mit Schutzhelm präsentieren. Das Publikum stimmt ab. Die Gewinnerin darf ein zweiwöchiges Praktikum absolvieren. Natürlich darf der übliche Kommentar einer Frauenrechtlerin nicht fehlen. „Skandal. Zieh` dich aus und du bekommst ein Praktikum.“ Blablabla. Der Pressesprecher bezieht Stellung: „Das Präsentieren von Bademode gehört offiziell zu Schönheitswettbewerben dazu.“ Blablabla. Er versteht die Aufregung nicht.

Jetzt könnte man theoretisch sagen, N-TV kommt hier nur der journalistischen Pflicht nach. Da werden Frauen ausgenutzt. Sexualisiert. Das geht gar nicht. Da müssen wir drauf aufmerksam machen. Wir, die edlen Ritter, die aufbrechen, um die bildhübsche Prinzessin aus den Fängen des Bösen zu retten.

Ganz so ist es aber nicht. So meine Vermutung. Ich habe da eine Theorie. Beweisen kann ich das alles natürlich nicht. Aber wir sind ja unter uns. Allein schon das gewählte Mitteilungsbild ist einzig und allein darauf ausgelegt, Klicks zu generieren. Auch N-TV ist auf Traffic auf der eigenen Homepage angewiesen. Das ist ja grundsätzlich normal und nichts Verwerfliches. Wenn dann aber drunter steht, dass es sich um eine bizarre, sexistische Aktion handelt, ist das Bild vielleicht doch falsch gewählt. Aber hey, bei mir hat´s ja schließlich auch geklappt. Da steht ein hübsches Mädel im Bikini in einem Atomkraftwerk. Lasziver Blick. Natürlich mit Sicherheitshelm. Safety first. Versteht sich. Titten funktionieren halt immer. Seh` ich Titten, klicke ich drauf. Das ist doch das erste, was man beim Online-Marketing lernt. Also das schwingt im Subtext jedenfalls immer mit. Unter dem Bild steht: „…solche und weitere Bilder zeigt der Betreiber des AKWs auf seiner Facebook-Seite.“ Aber keine Angst. Man muss jetzt nicht hektisch versuchen das tschechische Alphabet in die Suchleiste einzugeben. Wie es sich für anständige Berichterstatter gehört, wird der Link direkt mitgeliefert. Jetzt steht dem ungenierten Gaffen nichts mehr im Wege. Habe ich erwähnt, dass die meisten N-TV-User männlich sind? Aber das ist wahrscheinlich reiner Zufall.

Ein genauerer Blick lohnt sich auch hier. Seit dem Tag, an dem der Artikel erschienen ist, häufen sich deutsche Kommentare auf der tschechischen Seite des Atomkraftwerks. Recherchiert man weiter, kommt der eigentliche Skandal erst zum Vorschein. Dominika, das erste Modell. Für alle, die nicht lesen können oder sich gerade einen runterholen, das ist die Dame mit lilafarbenen Bikini und weißem Helm. Sie ist Studentin und hat längst den Status der Abiturientin hinter sich gelassen. Skandal. Eine Falschinformation. Da werden den Leser Schülerinnen versprochen und sie bekommen nur das alte, fast schon welke Fleisch einer 20-jährigen Studentin zu sehen. Das geht ja gar nicht. Und dann gleich im Titel.

Vielleicht sollte man auch noch hinzufügen, dass diese Dame, dem Anschein ihrer Facebook-Seite und ihres Youtube-Kanals nach, ein Bikini-Modell ist und jede Möglichkeit wahrnimmt Aufmerksamkeit zu bekommen. Aber das wäre dann wirklich zu viel der journalistischen Sorgfaltspflicht. Igitt, Sexismus. Wie können die nur? So rum ist das viel leichter. Die Frauenrechtlerin ist leider nicht verlinkt. Warum auch? Ich kann mir nicht vorstellen, dass die auch heiße Bikinibilder hat. Und wenn, dann will die bestimmt niemand sehen. Soweit die Theorie.

Über den Anschlag in Somalia wurde natürlich auch berichtet. Ein sauberer Artikel. Meinung, Gegenmeinung und das übliche Blabla. Nur der Vollständigkeit halber. Aber nochmal kurz zurück zu unserem Artikel mit Nippel-Faktor.

Mit seriösen Journalismus lockt man anscheinend niemanden mehr hinterm Busch vor. Schade eigentlich. Am Ende haut der Redakteur dann noch einen raus. Quasi die Legitimation. Da kann nicht mal Mogadischu mithalten. „Das AKW Temelin liegt 60 Kilometer von der bayerischen Grenze entfernt.“ Und für alle, die jetzt vergeblich suchen. Der Link wurde heute morgen gelöscht. Aber mit ein bisschen Sachverstand lassen sich die Bilder noch auftreiben. Viel Spaß dabei.

*Fairerweise muss auch darauf hingewiesen werden, dass nicht nur N-TV auf den Titten-Zug aufgesprungen ist. U.a. konnte auch die Frankfurter Rundschau dieser Versuchung nicht widerstehen.

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1 Kommentar zu „Kurz und knackig – oder: Titten gehen immer“

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