Strom – oder: Ich bin Energy-Man

„Der Zorn Gottes trifft mich direkt am Glockensäckchen und schrappt die enorme Länge meines Geschlechts hinauf Richtung Spitze.“

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Wie? Das soll es jetzt schon sein? Ich spüre überhaupt nichts. Komisch. Ich drücke auf die Taste, die mit einem grünen Plus gekennzeichnet ist. Immer noch nichts. Mittlerweile zeigt das Display Stufe 49 an. Das klingt jetzt erst mal wenig. Immerhin geht die Skala bis 999. Aber der nette Herr an der Theke hat mir empfohlen, ich solle es am Anfang nicht übertreiben. Generell kann man vielleicht sagen, dass ich nicht der geduldigste Mensch bin, und genau hier liegt der sprichwörtliche Hund begraben. Erneutes Drücken lässt den Wert auf 121 springen. Ich warte. Auf einmal. Der Mann mit dem Hammer. Der Blitz aus dem Himmel. Ein LKW trifft mich mit voller Fahrt.

Der Muskel kontrahiert. Eine Explosion. Der Unterschenkel wird ruckartig in die Horizontale katapultiert. Bam. Der Musculus quadriceps femoris krampft, ist steinhart, zuckt. Panisch greife ich nach meiner neusten Errungenschaft im Kampf gegen mein lädiertes Knie. Der Compex Fit 1.0, ein Gerät von Profis für Profis. Selbst die Spieler des VfB Stuttgarts haben sich so ein Teil bestellt. Natürlich die teure Premium-Variante und nicht, wie ich, das Einsteiger-Modell. Generell unterscheiden sich die Teile aber nur in der Programmvielfalt. Die Idee dahinter. Strom lässt den Muskel kontrahieren. Der wird dann besser durchblutet. Und die Heilung oder die Regenration geht schneller voran. Das ist zumindest der Plan, wenn man das Gerät vorschriftsmäßig, wie in der Bedienungsanleitung beschrieben, anwendet. Ich greife zu dem Booklet, wie man das heute nennt. Auf Seite zwölf ein Hinweis, den ich persönlich nicht zwischen den Zeilen versteckt hätte. Er gehört meiner Ansicht nach, mit fetten Lettern auf das Display graviert: Es dauert drei Sekunden, bis die eingestellte Stufe aktiviert und somit spürbar wird. Ein guter Einstiegswert für ungeübte liegt übrigens bei 20.

Aber warum soll ich denn bitte ein Anfänger sein. Meine Erfahrungen mit Strom gehen weit zurück. Anfänger, ich möchte doch bitten. Meine Schwester und ich, wir habe zu Weihnachten ein Krankenhaus-Set, inklusive OP von Playmobil bekommen. Es muss irgendwann Anfang der 90er gewesen sein. Was ein cooles Geschenk. Wenn ich ehrlich bin, gehörte es eigentlich nur meiner Schwester. Aber wie es halt so ist: Meins ist meins und deins ist unser. Geschwisterliebe eben. Wahrscheinlich hätte ich damals für einen solchen Spruch ordentlich Prügel eingesteckt. Kinder können grausam sein. Aber so was darf man heute ja gar nicht mehr sagen. Da heißt es immer: Der Oskar, der ist immer so lieb. Und die Sarah, schau mal, wie süß das aussieht, wenn sie der Libelle die Flügel ausreißt und das arme Tier dann qualvoll verrecken lässt. Ich schweife ab. Zu dem Set gehörte natürlich auch OP-Besteck. Miniatur-Skalpelle hatten es uns besonders angetan. Wie das mit Playmobil so ist, nach fünf Minuten war uns langweilig. Alles aufgebaut, alles abgebaut, dabei die Hälfe verloren, nur nicht die zwei kleinen chromfarbenen Messerchen. Lange Rede kurzer Sinn, in diesem Fall eher überhaupt keinen Sinn. Wir spielten unterm Tisch. Und da war sie. Weiß. Quadratisch. Einfach perfekt. Mit meinen kleinen Fingerchen manövrierte ich die Skalpelle gekonnt in die, meiner Ansicht nach genau dafür und nur dafür vorgesehenen Löcher der Steckdose. Das nächste, an das ich mich erinnere, war meine Mutter, die panisch auf mich zu rannte und mich durch einen gekonnten Zug am Teppich, auf dem ich saß, von der Stromkapsel meines Vertrauens wegriss.

Spiderman wurde von einer Spinne gebissen und danach bekam er Superkräfte. Batman hatte einfach cooles Zeug, das ihn zu einem Helden machte. Bei Cat Woman, war da nicht auch irgendetwas mit so einem Katzenviech? Ich kann mich eigentlich nur noch an Halle Berry in dem engen Lederkostüm erinnern. Mmh. Ach ja. Mit langen Haaren sah sie besser aus. Aber das nur am Rande. Naja, was ich eigentlich sagen will. In diesem Moment bin ich davon ausgegangen, dass meine Superkraft etwas mit Strom zu tun hat. Ich glaubte nämlich wirklich, dass in mir etwas Heldenhaftes schlummert. Ich bin Energy-Man. Niemand kann mich stoppen. Ich kontrolliere die Elektrizität dieser Welt. Als Zeichen hatte ich ein Blitz auf der Brust gewählt. Nicht so ein schwules Ding wie bei Flash Gordon. Nein. Viel cooler. Viel, viel cooler.

Einige Jahre später. Die Erwartung an meine Superkräfte wurden leider nicht vollends erfüllt. Aber das machte nichts. Eine neue Energie hatte meinen Körper in Beschlag genommen: die Pubertät. Ich, also in der vollen Blüte. Das dachte ich jedenfalls damals. Mein größtes Hobby zu dieser Zeit war Mountainbiken. Mache ich heute immer noch sehr gerne. Aber damals, habe ich eigentlich jede freie Minute auf dem Radel verbracht. Immer dabei. Mein bester Freund. Übrigens auch heute noch mein bester Freund. Alter, ich liebe dich. Musste einfach mal raus. Das war dann auch der homoerotisch Moment des Tages. Aber so sind wir Kerle einfach. Wir waren also zusammen in den Alpen unterwegs. Ich gehöre zu der beneidenswerten Gruppe Menschen, die Verwandte in den Bergen haben und damit jederzeit das Recht der Blutsverwandtschaft ausnutzen können, um kostenfrei in den Alpen zu übernachten und dabei nicht im Regen auf einer Isomatte in einem undichten Zelt campieren müssen. Auch wenn das durchaus seine charmante Seite hat. Wir donnern also den Berg gen Tal hinab. Die Trails winden sich wie eine listige Schlange durch die schroffe Felslandschaft. Wir fliegen an Steintürmen und Murmeltieren vorbei. Im Rausch der Geschwindigkeit. Tränen vor Glück rinnen mir aus dem Augenwinkel über die Wangen. Wir erreichen die ersten Weiden. Der Weg führt danach ebenso spektakulär durch ein angrenzendes Waldstück. Zwischen uns und den griffigen Anliegerkurven, nur dieser dünne Draht. Klar wissen wir, dass da Strom drauf ist. Sonst hätte das Ding ja überhaupt keinen Sinn. Mit einem gekonnten Satz überspringt mein Kumpel mit geschultertem Rad das Hindernis. War auf jeden Fall echt knapp. Ich muss das anders machen, denke ich. Da ich einige Zentimeter größer bin, entscheide ich mich für die sichere Variante. Erst das eine Bein, dann das andere. Alles klappt wie geplant. Bis mein Hinterrad sich verfängt, was ich dummerweise nicht bemerkte. Gerade als ich mein rechtes Bein über den Draht schwingen will, wird der durch die Vorspannung, die mein Hinterrad erzeugt hat mit Wucht in Richtung Genital gewirbelt. Die folgenden Sekunden spielen sich in Zeitlupe ab. Der Zorn Gottes trifft mich direkt am Glockensäckchen und schrappt die enorme Länge meines Geschlechts hinauf Richtung Spitze. Währenddessen entlädt sich die Energie unzähliger Blitze in mein Glied. Daraufhin wird die Schweiz in ein Jahrzehnte andauerndes Zeitalter der Dunkelheit gestürzt. Der Tower of Power, der Magic Stick ähnelt in diesem Moment eher einem Nürnberger Bratwürstchen, das, nachdem alle Steaks vom Grill genommen wurden, irgendwo in der Ecke vergessen wird, langsam aber sicher verkokelt und schrullig vor sich hin vegetiert.

Es soll ja Leute geben, die darauf stehen, ihr Geschlecht mit Strom zu erregen. Warum? Echt jetzt. Was bitteschön läuft bei euch falsch?

Vielleicht rügt mein Hang mich zu quälen ja von diesem einen Zeitpunkt her. Mittlerweile schreiben wir das Jahr 2015. Eine neue Wettkampfform hat mich gepackt. Der Strongmanrun. 26 Kilometer. 30 Hindernisse. Schlamm, Eiswasser, Gräben, Steilhänge, Berge aus Autoreifen und eben Strom warten auf die mutigen 14.000 Teilnehmer. Und ich mittendrin. Die ersten Meter sind problemlos. Klar legen die Veranstalter darauf wert, dass man sich direkt zu Beginn in ein Eiswasserbecken stürzt, um auch schön unterkühlt und durchnässt die noch folgenden 25,5 Kilometer in Angriff zu nehmen. Hindernis Nummer drei. Mein persönlicher Endgegner: das Stromnetz. Eine kurze Beschreibung. Auf der Länge von 50 Metern und einer Breite von vielleicht 30 Metern ist ein Netz gespannt. An diesem Netz hängen kleine Fäden hinunter. Diese sind mit Spannung belegt. Kommste dran, tut´s weh. In meiner 30-jährigen Naivität dachte ich mir natürlich, dass die da nicht viel Volt draufladen können. Das könnte ja echt gefährlich werden. Ich springe also auf den Boden und tauche in der Mensch gewordenen Teppich hinunter in das Bett aus Strom. Nichts, kein Schlag, alles gut. Fast habe ich das Ende erreicht, da seh` ich aus dem Augenwinkel, dass einer der Teilnehmer das Netz mit einem Stock nach oben stützt und so den anderen ermöglicht, schneller voran zu kommen. Das ist meine Chance, denke ich. Aus dem Robben und Krabbeln wird ein gebücktes Rennen. Doch dann, Schmerz durchdringt meinen Körper. Der Kollege wollte dann auch irgendwie weiter, was sich für mich in dieser Situation als eher ungünstig erwiesen hat. Das Drahtgespann rutsch vom Ast und peitscht in Richtung Boden. Mein Kopf und der komplette Rücken wird von den kleinen Fäden umarmt. Der Körper krampft und ich falle zu Boden. Ich liege zuckend im Schlamm. In diesem Moment hat mich meine Superkraft definitiv verlassen.

Mittlerweile bin ich bei Stufe 96 angekommen. Der Compex Fit 1.0 brummt zufrieden vor sich hin. Nicht schlecht für einen Anfänger. Nicht schlecht. Ab und an ein bisschen Strom. Das ist schon ne feine Sache.

Fahrrad 016

 

 

 

 

2 Kommentare zu „Strom – oder: Ich bin Energy-Man“

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