Flugreise ins Glück – oder: Halt doch einfach mal die Fresse

„Aber weißt du was, scheiss auf die Ökobilanz. Ich liebe es. Über mir der Himmel, die Weite, ich vermisse dich, du fehlst mir.“

Ich höre Stimmen…Hallo? Ist da wer? Hallo? Außerdem kann ich tote Menschen sehen, ich weiß warum da Stroh liegt und ich weiß natürlich auch, was Frauen verdammt nochmal wollen. Aber ohne mir wie Mel Gibson mit einem Heißwachsstreifen die Sackhaare auszureißen. Und noch was, eine Kleinigkeit. Das ist alles gelogen. Idiot. Ja du, dich meine ich. Jetzt halt doch mal die Fresse. Oh, es wird wieder vulgär. Seit fünf Minuten sitze ich hier und ich habe mir bestimmt schon zwölfmal vorgestellt, wie jemand durch die Lautsprecheranlage sagt: „Herr Pimmelberger, Herr Pimmelberger, bitten kommen sie zum Gate sechs. Die Crew ist zum Einchecken bereit.“

Und dann kommt so ein Typ vorbei, der sich, bevor er seinen Boarding Pass, natürlich auf dem Smartphone, auf das Scanfeld legt, nochmal schön an die Eier packt. Vielleicht muss ich dazusagen, dass ich gerade am Flughafen in Stuttgart sitze, um nach Berlin zu fliegen. Also jetzt sitze ich im Flieger. Aber eben war ich halt noch am Gate. Entschuldigung? Könnten sie bitte nur die Wahrheit sagen, ich glaube nämlich alles. Selbst schuld. Amateur. Deine Probleme will ich mal haben.

Eigentlich ist das doch eine schöne Sache. Per se erst einmal alles für wahr zu halten. Ist das naiv oder würde die Welt dadurch ein kleines Stückchen besser werden? Zugegeben nur ein kleines Stückchen, aber das würde ja schon reichen. Gerade geht die Sonne unter. Und ich bin über den Wolken. Meine Ökobilanz. CO2 und der ganze Kram. So viele Bäume kann ich gar nicht pflanzen, dass ich aus dieser Nummer mit nem blauen Auge rauskommen. Das blaue Nichts. Unten der Rest, mit allem, was dazu gehört. Die Probleme sind weg und ich schreibe. Mir geht´s gut. Gerade ist alles gut. Also alleine bin ich dabei definitiv nicht.

Und damit meine ich nicht die ganzen anderen Passagiere und auch nicht Claudia, die neben mir Platz genommen hat. Claudia ist IT-Spezialistin und singt im Chor. Alles, Hauptsache, es klingt gut. In Stuttgart war sie für einen Workshop. Schnittstellenmanagement, das ist ihr Ding. Also damit verdient sie ihr Geld. Ich glaube nicht, das Schnittstellenmanagement irgendwem sein Ding ist oder sein kann.

Eine Situation sinnbildlich für alles, was sich im Kopf abspielt. Wahre Geschichte. So passiert. Wir brauchen eine neue Küche. Wir, das sind meine Kollegen und ich. Also reale Kollegen. Ich bin im Küchenteam. Nicht auf eigene Initiative, sondern demokratisch gewählt. Das klingt jetzt komisch, aber so ist das halt. Ganz normal sind wir alle nicht. Wir brauchen also eine Küche und ich sitze in einem Küchenstudio beim Beratungsgespräch. Ich fühle mich vollkommen deplatziert. Gerade sind mir die Ohren zugefallen. Also im Flieger. Eigentlich bin ich ja gerade in einer A319 nach Berlin am Fenster. Zurück. Der Verkäufer, der da vor mir sitzt, versucht mir ein prächtiges Kochparadies zu verkaufen oder anders gesagt, schmackhaft zu machen. Was eine geile Scheisse. „Also, wir haben die Küche genau so konzipiert, wie sie sich das vorstellen. Nur Gaggenau-Geräte.“ Aber, das wollte ich doch gar nicht.  „Nur das Feinste vom Feinen. Und ich sage ihnen was, SIE brauchen das.“ Um das kurz aufzuklären: Wer Gaggenau nicht kennt, das ist nicht schlimm. Das bedeutet nur, dass dein Leben spannend und interessant ist. Oder du hast ein Hobby, eine Freundin oder vielleicht beides. Und dir ist egal, in welchen Ofen du deine Pizza oder deinen gefüllten Schweinebraten reinschiebst. Wahlweise auch dein veganes Allerlei. Vegane Gerichte schmecken übrigens total lecker. Wenn man noch ein bisschen Hackfleisch anbrät und darunter mischt, wird’s noch besser. Dann ist es natürlich nicht mehr ganz so vegan. Aber ziemlich gut. Ich will mich jetzt aber auch nicht über Veganer lustig machen. Witzig ist aber, dass die Autokorrektur bei mir auf dem Rechner das Wort VEGAN nicht kennt und mir stattdessen VERGASEN anbietet. Und schon ist es politisch.

Von oben sieht die Welt ganz anders aus. Die Wolken brechen auf und zu sehen sind die vielen kleinen Lichter verschiedener Dörfer. Orange und gelb. Ab und an, Blaulicht. Alles in allem, trotzdem friedlich. Irgendwie. Ich sitze da. „40.000 müssen sie schon investieren.“ Ihm läuft das Wasser im Mund zusammen. Gier oder Hunger, ich bin mir nicht sicher. Oder ist es Schweiß? Keine Ahnung. Vielleicht auch eine Mischung. Eigentlich sollte man Schweiß und Spucke gut auseinanderhalten können. Ok, beides sind körpereigene Flüssigkeiten. Die Konsistenz ist aber total unterschiedlich. Ich fange an zu philosophieren. Der gute Mann hat auch allen Grund zu schwitzen. Er ist nämlich ein wenig moppelig. Fett, er ist fett. Objektiv betrachtet hat er ein paar Kilo zu viel. Wobei es sowas wie Objektivität gar nicht gibt. Alles ist subjektiv. Punkt. Da diskutiere ich jetzt auch nicht weiter. Informiere dich selbst und dann wirst sogar du es kapieren. Und dazu bewegt er sich auch noch viel. Während ich einfach nur da sitze. Er will mir nämlich alles demonstrieren. Erst nimmt er einen Topf und schlägt ihn gegen die Glaswand hinter dem Herd: „Sehen sie, das ist mal richtig stabil! Da geht nichts kaputt! Das brauchen sie!“ Er übernimmt sich etwas. Schnauft schwer, setzt sich hin, nimmt ein Stofftaschentuch und tupft sich die Stirn ab. Ich sehe mich aus der Vogelperspektive. Da sitze ich, an dem Schreibtisch. Auf der anderen Seite der Verkäufer. Auf einmal, fällt sein schwerer Körper, wie ein Sack toter Fische auf den Schreibtisch vor mir. Wie die Gischt einer Welle, spritzt mir das Schweiß-Spucke-Gemisch direkt ins Gesicht. Ich habe keine Ahnung, wie sich ein Sack toter Fische genau verhält, wenn er auf einer Tischplatte aufschlägt. Weder habe ich auf einem Markt gearbeitet noch nach einer der zahlreichen Öl-Katastrophen tote Fischkadaver vom Strand in Säcke gestopft. Aber so könnte es definitiv aussehen.

So ein Stuhl muss ja einiges aushalten, denke ich mir. Ein Zucken geht mir durch den Kopf. Da ist er wieder. Sieht ganz lebendig aus. Und kein Fisch, weit und breit. Ich versuche dazwischen zu grätschen. Stell eine Frage, na komm schon. „Wann wäre die Küche denn lieferbar? Also anders gefragt, wann steht das Ding bei uns im Büro? Wir haben nämlich einen straffen Zeitplan.“ „Also wissen Sie, wir haben gerade richtig viel zu tun. Ich weiss gar nicht wohin mit mir.“ Ich wüsste schon, wohin mit dir. Fiese Gedanken kommen mir in den Kopf. Ich frage mich, wann der gute Mann zuletzt seinen Penis in natura gesehen hat?

Es soll jetzt kein falscher Eindruck entstehen. Wobei der wahrscheinlich schon entstanden ist. Netter Kerl, ein wirklich netter Kerl ist das. Würde jetzt mit ihm kein Bier trinken gehen, aber trotzdem ein korrekter Typ. „Eigentlich könnte ich mich vierteilen“, platzt es aus ihm heraus. In meinem Kopf beginnt das vollkommenen Chaos. Ein Chor beginnt zu singen. Nicht so einer, wie der von Claudia. Eher so in die Richtung „Uhrwerk Orange“. Ja, ich sage Uhrwerk und nicht Clockwork, weil ich eben kein alternativer Hipster-Idiot bin. Den Film hab ich auf Deutsch gesehen. Und das war auch gut so. Damals auf Klassenfahrt in einem Bus nach Kroatien. Bis zu ersten Vergewaltigung. Dann haben die Lehrer den Videorekorder ausgemacht. Frau Pallocks kannte den Film anscheinend auch nicht. Oder doch? Andere Geschichte.

Sind das drei oder vier Stimmen, die da parallel versuchen mein Unterbewusstsein in neue Sphären zu befördern? Was hat er da gesagt? Das ist ja nicht mal mehr eine Vorlage. Das ist eine klare Aufforderung. Quasi eine Mittäterschaft. Kein Richter der Welt würde mir dafür die alleinige Schuld zu sprechen. Also genug Masse wäre definitiv vorhanden, mein Bester. Habe ich das gerade laut gesagt? Nein, oder doch? Vielleicht laut gedacht. Ich schäme mich. Weichei. Immer korrekt sein. Nicht anecken und niemanden verletzen. Warum? Weil es sich so gehört. Weil es ein Miteinander erst richtig möglich macht. Meinem Kopf ist das egal. Wie jetzt? Ab und zu. Diese Diplomatie kotzt mich an. Wem will ich denn hier was vormachen? Wenn ich mich selbst belüge und sage, heute kein Sofa. Es geht zum Sport. Und ich weiß genau, dass ich auf meinem Lieblingsmöbelstück versacken werde, dann ist das eine Sache. Aber hier, das ist Selbstbetrug 2.0.

Zum Landen bereit machen. Die Stewardess fordert mich auf meinen Laptop zu schließen und ihn vor mir in die Sitzlehne zu klemmen. Es regnet in Berlin. Ein Gewitter. Die Reifen quietschen, der Sitz vibriert.

Darf ich vorstellen: Ich bin´s. Also diese Stimme, die du gerade hörst, das bin ich. Leicht arrogant, klingt ziemlich eloquent. Könnte studiert haben, gewählte Ausdrucksweise und potent. Bei dieser Stimme, wie soll das anders sein. Und die anderen, ja die gehören auch zu mir. Manchmal laut, manchmal noch viel lauter. Und dann ist da wieder Stille. Zusammen ist man weniger alleine. Dieser Spruch ist so richtig scheisse. Aber auch vielleicht nur, weil er nicht von mir ist.

 

Ich bedanke mich bei den Künstlern, die mir die Musik für den Podcast zur Verfügung gestellt haben. Sehr geil, danke euch!

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