Die Kunst des Zuhörens

„Du bist einfach ein glücklicher, kleiner Goldfisch, der friedlich und zufrieden im Aquarium des Lebens seine Bahnen zieht.“

Was kannst du eigentlich so richtig gut? Irgendwann stellt sich jeder diese Frage. Spätestens dann, wenn man irgendwie wieder etwas verbockt hat. Oder wenn jemand, den du kennst, gerade mega abgeht und seinen Traum lebt. Wenn du dir diese Frage noch nie gestellt hast, dann ist das vielleicht genau deine herausragende Fähigkeit Nummer eins. Also mach dir keinen Kopf. Du bist einfach ein glücklicher, kleiner Goldfisch, der friedlich und zufrieden im Aquarium des Lebens seine Bahnen zieht.

Mir geistert diese Frage schon länger durch den Kopf. Was kann ich eigentlich echt gut? Ich würde von mir jetzt nicht sagen, dass ich der geilste Typ überhaupt bin. Ich kann einige Sachen ganz ok. Ein paar sind vielleicht auch dabei, die sind überdurchschnittlich. Und dann denke ich von vielen, dass ich sie exzellent beherrsche. Leider driften hier Schein und Sein dezent auseinander. Nach langem Überlegen, übrigens auch keine von meinen herausragenden Fähigkeiten, bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass meine beste Eigenschaft, Zuhören ist. Das klingt jetzt vielleicht nicht spektakulär, ist aber richtig krasser Scheiß. Ich kann das sogar ohne überhaupt eine Frage zu stellen. Ich bin einfach nur da. Und los gehts. Manchmal wissen die Leute garnicht, dass ich ihnen zuhöre. Das ist dann für alle Beteiligten ein ganz besonderer Moment.

Zum Beispiel im Zug. Fahrt von Stuttgart nach Erfurt. Ich setze mich auf meinen reservierten Platz. Wagen 6 Sitzplatz 21. Am Fenster mit Tisch. Mir gegenüber, ein junger Mann. Blond, gut gebaut. Kopfhörer auf und so ne klischeehafte Goldkette um den Hals. In der Hand hält er sein Smartphone. Durch die Reflexion in der Scheibe kann ich sehen, dass er mit einer attraktiven Dame skypt. Ich glaube, die beiden kennen sich noch nicht so gut. Er probiert nämlich witzig zu sein und spannt dabei permanent seine Brustmuskulatur an. Wahrscheinlich denkt er, so eindrucksvoller zu erscheinen. Irgendwann meinte er, seine beste Fähigkeit ist Ausweichen. Aha, denke ich. Das ist auch ein besonderes Talent. Spannend. Ich bin hellwach, wie es sich für einen herausragenden Zuhörer gehört. Er läuft durch die Fußgängerzone und da kommen ihm Leute entgegen, erzählt er weiter. Manche schauen auf ihr Handy, sind einfach unaufmerksam. Ich beginne dann ganz leicht mit den Hüften zu schwingen und bevor sich mein Gegenüber versieht, bin ich schon vorbeigeschlüpft. Krasser Typ, denke ich. Es gibt ja auch immer die, die dich verarschen wollen, hat er noch gesagt. Die täuschen erst links an, dann wollen sie rechts vorbei und entscheiden sich dann doch noch schnell kurz bevor es zum Crash kommt mit einer eleganten Drehung links durch die Lücke zu schlüpfen. Das kann mich nicht schocken, meinte er. Ich sehe das genau. Ich hab da einen Blick für. Meine Hüfte beginnt leicht zu kreiseln und Bam, bin ich vorbei. Die anderen wissen dann auch nicht, was da gerade mit ihnen passiert ist. Ok, jetzt hat er mich. Geiler Typ. Sein Äußeres hat mich auf eine falsche Fährte gelockt. Hab gedacht, der Typ der ein Prolet. Ist aber totaler Quatsch. Maschine. Er erzählt weiter. Einen Nachteil hat meine Fähigkeit aber. Wenn ich im Club hart von nem Mädel hart angetanzt werde, hab ich echt ein Problem. Sie fixiert mich mit ihrem Blick. Arsch raus, Bauch rein, Brüste nach vorne. Sie bewegt sich rhythmisch zur Musik. Kommt mir immer näher. Es liegt Energie in der Luft. Sexuelle Spannung. Meine Hüften schwingen ebenfalls mit. Die Blicke treffen sich. Und… BÄÄM bin ich vorbei.

Mist, ich muss aussteigen. Gerade wo es spannend wird. Der Zug fährt in den Erfurter Hauptbahnhof ein und ich muss raus. Das ist ungefähr so, als wenn man bei Braveheart nach 175 Minuten plötzlich den Fernseher ausschaltet, obwohl William Wallace gerade mit dem Halstuch seiner getöteten Frau vor dem Henker kniet und gerade Freiheit schreien möchte. Der Bildschirm aber einfach schwarz wird und Mel Gibson still und leise verstummt. Ich hätte jetzt auch ein Metapher aus der Kategorie „Liebe, Sex und Zärtlichkeit“ bringen können. Sowas in die Richtung vorzeitiger Samenerguss oder so. Hätte sogar bildlich gepasst, mit dem einfahrendem Zug und den Menschen, die so schnell wie möglich aus den Wagons strömen. Ich habe mich aber bewusst dagegen entschieden, da ich davon ausgehe, dass meine Leser eher Braveheart kennen, als dass sie sexuell aktive Wesen sind. Sorry. Aber ihr wisst, dass ich Recht habe.

Ich stehe auf, ziehe meinen Rucksack an und sage: Geiler Typ! Er blickt mich etwas verdutzt an. Ich kann richtig erkennen, dass in seinem Kopf gerade die Synapsen anfangen zu glühen. Was will der Kerl von mir? Ich kenn den überhaupt nicht. Ich nicke ihm verständnisvoll zu. Auf die eine bestimmt Art und Weise wie es nur ein exzellenter Zuhörer kann. Wir Männer, mit herausragenden Talenten müssen zusammenhalten, sage ich.

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3 Kommentare zu „Die Kunst des Zuhörens“

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